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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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Wintermädchen - Laurie Halse Anderson Wir alle haben unsere Angewohnheiten und zu Lias gehören, wann immer sie etwas isst, gedanklich die Kalorien genau auszurechnen, die sie gerade zu sich nimmt - und wie lange sie hungern muss, um es wieder auszugleichen. Lia ist magersüchtig und gemeinsam mit ihrer Freundin Cassie - die an Bulimie litt - setzte sie sich das Ziel, das schlankste Mädchen der Schule zu werden. Beide gehen bald ihre eigenen Wege in der Welt der Wintermädchen, bis Cassie schließlich tot und Lia endgültig allein ist. Sie verfällt zurück in ihre alten Muster - anfangs unbemerkt durch die Blindheit der Erwachsenen ihre Tricks. Sie setzt sich neue Ziele und sobald sie eines erreicht hat, setzt sie sich neue. Sie hungert, dabei würde sie manchmal so gerne essen sie hasst essen. Sie bestraft sich, wenn es sein muss, sie muss stark bleiben. Und sie muss sich entscheiden - bleibt sie hier oder folgt sie Cassie, wechselt endgültig rüber in die andere Welt? Cassie bedrängt sie mehr und mehr, fordert sie heraus, denn Lia schuldet ihr etwas. Ehe Cassie allein in diesem Motelzimmer starb, rief sie Lia an. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal ... Dreiunddreißigmal.
Lia ist nicht rangegangen.

Schon rein objektiv betrachtet, ist "Wintermädchen" ein wirklich wunderbares Buch. Die Sprache, die nicht selten äußerst bildhaft und metaphorisch ist, passt, funktioniert und klingt nebenbei auch noch sehr schön. Laurie Halse Anderson gelingt der Sprung zu einer halb-erwachsenen Protagonistin vollkommen - eigentlich achtzehn Jahre alt, ist Lia überlegt, mündig und fähig, sich auszudrücken. Gleichzeitig entkommt sie ihrer Krankheit nicht, die sie niederwirft, einsperrt und verletzt. Wenn sie einen klaren Moment hat, so ist es auch die Sprache. Wenn die Gedanken kreisen und immer wiederkommen, so tun es auch die Worte im Buch. Wenn sich alles überschlägt, werden ganze Sätze eins, einKauderwelschdaserstauseinandergepflügtwerdenmussumverstandenzuwerden.
Und wenn Lia sich im inneren Streit mit sich selbst befindet, so wird auch dies durch den Text und seine optische Gestaltung sehr anschaulich näher gebracht. Immer wieder sind Stellen zu finden, an denen steht, dass sie eigentlich gern in den süßen, süßen Muffin reinbeißen möchte wie sehr sie das Essen doch hasst. Ihre Eltern heißen Mom und Dad Dr. Marrigan und Professor Overbrook.
Ihre Gedanken werden einfach so deutlich gemacht, wie es nur eben geht. Schon allein durch die Tatsache, dass hinter jedem Nahrungsmittel meist kommentarlos die Kalorienzahl steht, wird schnell klar, wie ernst ihre Lage ist. Hier wird nichts verschönigt oder abgeschwächt und gleichzeitig bohrt die Autorin auch nicht mit dem Zeigefinger in den nackten Tatsachen rum. Der Leser darf selbst überlegen und verstehen, und das wird er auch, wenn er nur aufpasst und vor allem zuhört.
Auch durch die in sich logische und in die Tiefe gehende Beschreibung der Protagonistin - Lia - kann "Wintermädchen" überzeugen. Selbstverständlich gehört hier die sprachliche Gestaltung hinzu, aber auch ihre Handlungen zeichnen ein klischeefreies und detailliertes Bild.
Soviel zur rein formalen Seite - gefühlstechnisch sieht es nicht anders aus. "Wintermädchen" ist unglaublich eindringlich - es beunruhigt, es zieht runter, es schockiert, es lässt nicht los, es lässt einen zittern. Man möchte Lia schütteln und anschreien, man verbittert über Cassies Schicksal.
Vieles davon hängt auch damit zusammen, dass durch das Buch die Magersucht keineswegs nachvollziehbar wird. Es geht nie um das Warum, jedenfalls nicht für Lia. Dieses Buch soll nicht erklären, wie es dazu kam, wer oder was Schuld daran hat. Warum ein Mädchen sich immer und immer wieder erbricht, bis der Finger Risse bekommt, die nie mehr heilen und warum ein anderes sich bis auf die Knochen runterhungert und immer noch schwabbelige Fett- und Eiterschichten auf seinem Körper findet. Man kann Lias Krankheit nie wirklich nachvollziehen. Es wird klar, was sie durchmacht - aber der Blick hinter die Kulissen bleibt dem Leser verwehrt. Doch dies soll auch nicht der Sinn sein, im Gegenteil, es wäre doch eher schlecht. Wer nachvollziehen kann, der versteht. Wer versteht, fühlt vielleicht ebenso?
"Wintermädchen" verleitet nicht zur Magersucht, auch nicht versehentlich. Es geht auch nicht um das Warum. Denn "Warum?" ist die vollkommen falsche Frage. "Warum nicht?" - das könnte Lia viel eher beantworten.
Und dieses beinahe Vage hinterlässt die ganze Zeit über ein mulmiges Gefühl. Lias Zustand überträgt sich auch auf den Leser - Leid, Kummer, Schuld. Hunger, Versuchung Selbsthass, Bestrafung. Dies ist kein Buch, das mal eben nebenbei gelesen werden kann oder das ein gutes Gefühl zurücklässt, auch wenn es leichtere Stellen, Verschnaufpausen gibt - und gerade das macht es so eindrucksvoll und unglaublich lesenswert.
Und ob die Tränen am Ende Tränen der Erleichterung oder der Verzweiflung sind ... nun, das soll jeder für sich selbst herausfinden.