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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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Weißer Oleander - Janet Fitch Astrids Leben ist anders als das anderer Mädchen, nicht erst, nachdem ihre Mutter zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Auch schon vor ihrer ewigen Reise von Pflegefamilie zu Pflegefamilie ist sie anders, besonders. Sie ist schön, nicht wie ihre Mutter, deren Ankunft sie jeden Abend erwartete, wenn sie ausging, aber auf eine andere Art und Weise schön.
Das nutzt ihr nicht unbedingt viel, Schönheit kann Böses bringen und auch vergehen. Stattdessen muss sie lernen, zu überleben, sich anzupassen und das Beste daraus zu machen. Sie muss sich Halt und Liebe suchen, bis sie irgendwann sich selbst findet und es auch von allein schaffen kann.
Betrachtet man die Sprache, ist es wohl nicht zu hoch gegriffen, „Weißer Oleander“ als Meisterwerk zu bezeichnen. Janet Fitch ist äußert wortgewandt, weiß, wie sie die Buchstaben aneinanderreihen muss. Was entsteht, ist ein unglaubliches Lesevergnügen voller Bilder, Geschichten und Gefühl.
Die eine wunderbare Sache dabei ist, dass man – ohne sich konzentrieren zu müssen – sofort Bilder im Kopf hat. Nicht direkt scharf und konkret, aber auch das geht, wenn man sich mehr auf den Text einlässt.
Die andere wunderbare Sache ist, dass man sehr gut Astrids Werdegang ablesen kann. Im Grunde müsste man ihre Geschichte nicht erzählen, man sieht an ihrer Sprache, wer sie wie geprägt hat, wie es ihr ergangen ist. Während ihre Mutter Worte wie „ficken“ zum Beispiel nie in den Mund genommen hätte, taten andere Pflegemütter das sehr wohl, übertrugen es auf Astrid und überließen es anderen, ihr einen neuen Wortschatz zuzuführen. Und Astrid brauchte diese Frauen, allesamt, was mit der Zeit immer deutlicher wird. Sie benötigte diesen Halt, in irgendeiner Weise, während Astrids Mutter eine Art Leitmotiv ist, immer wiederkehrend, immer wichtig.
Da ein Buch jedoch nie nur aus Sprache besteht, muss auch der Inhalt seine Aufmerksamkeit finden. Astrids Geschichte ist dramatisch, ja tragisch sogar. Auch durch die Bildhaftigkeit und eine gewisse Nähe erlebt man als Leser alles mit, hofft mit Astrid auf ein gutes Ende, wünscht ihr Glück und will nicht, dass es aufhört, wenn es gut ist. Die Betroffenheit überträgt sich, die Verbitterung ebenso.
Allerdings fehlt ein letzter Funken, der, der die gute Geschichte zu einer mitreißenden macht. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Geschichte übte nie den Sog aus, den ich mis gewünscht hätte. Langweilig war es nicht, nein – aber etwas fehlte.
An den Charakteren kann es nicht gelegen haben, die waren wunderbar geschildert, hatten Tiefe, wenn es sich nicht gerade um beinahe unwichtige Nebenpersonen handelte oder solche, die man einfach nicht näher kennenlernen konnte, weil Astrid es auch nicht gelang. Trotzdem waren sie zu keiner Sekunde nur flach.
Es ist auch nicht die Handlung an sich, die man stellenweise als etwas überspitzt ansehen kann, auch wenn so viel Unglück für eine Person nichts Unmögliches ist. Jeder Schritt passt, jedes Wort, jeder Gedanke.
Und dennoch … „Weißer Oleander“ ist ein großes Feuer, faszinierend, anziehend, gewissermaßen gefährlich, schön; eine Stichflamme ist es jedoch nicht.

„Weißer Oleander“ ist mehr als nur lesenswert, wenn auch nicht so verschlingend, wie ich es mir gewünscht hätte. Trotzdem kann ich nur jedem raten, einen oder auch mehr Blicke hineinzuwerfen; Sprachliebhaber werden dabei auf alle Fälle auf ihre Kosten kommen!