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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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"Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" - Judith End Für Judith End bricht eine Welt zusammen, als ihr Arzt ihr eröffnet, dass sie Krebs habe. Die Diagnose stellt alles auf den Kopf - ihre Examenspläne, das Leben mit ihrer kleinen Tochter Paula, alles. Sie ist ja auch erst 25 - Brustkrebs, das ist was für Ältere! Nichts für hübsche, junge Studentinnen, die ihr Studium meistern und Kinder aufziehen. Nichts für lebensfrohe Frauen, die auch mal gerne tanzen gehen. Nichts für sie!
Und trotzdem - es ändert nichts an der Tatsache. Judith muss sich ihrem Krebs stellen, Operationen überstehen, die Chemo ertragen und alles, was ihr an kleinen und großen Steinen in den Weg gelegt wird, irgendwie überwinden. Für sich, für Paula, denn ... Sterben kommt nicht in Frage!

Ich war anfangs ein wenig skeptisch. Natürlich ist diese Diagnose - gelinde gesagt - schlimm. Ich will nicht wissen, wie es ist, so etwas zu hören zu bekommen; mir reicht die Erfahrung, dass es Verwandte trifft. Meine Befürchtung war, dass das Buch allzu sehr ins Weinerliche abdriftet, nicht beim Thema bleibt - Krebs, was er mit sich bringt, dass man es schaffen kann; denn deswegen habe ich das Buch gelesen - und sich alles nur noch darum dreht, wie grausam das Leben ist. Dieser Wandel wäre ja gut möglich und irgendwo auch verständlich. Aber dem ist mitnichten so.
Natürlich gibt es Passagen, in denen sich die Autorin ihrem Unglück hingibt, aber das ist auch ihr gutes Recht. Wer weiß, dass er wirklich bald sterben könnte, kann eben nicht immer hoch erhobenen Hauptes seinen Weg bestreiten und kämpfen - das geht nicht.
So gesehen war ich also von Anfang an positiv überrascht - meine Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, und so konnte ich den Text uneingeschränkt ... ja was? Genießen? Das ist wohl kaum der passende Begriff.
Aber es war ein angenehmes Lesen, aus vielerlei Gründen. Zum einen ist da natürlich der Erzählton. Er ist unerwartet leicht und dadurch schön zu lesen. Judith End hält sich nicht mit in die Tiefe führenden Gedankenspiralen auf, sondern sagt klipp und klar, was Sache ist. So und so, fertig.
Die eher düsteren Passagen lockert sie mit ironischen Bemerkungen und Bezeichnungen auf, macht das Unglück damit - zumindest für den Leser - erträglich.
Ein schönes Beispiel findet sich auf Seite 176 an:
Und dann fällt mir ein, dass das hier ja eine Präsenzbibliothek ist und das Ausleihen gar nicht möglich. Super, Judith. Als ich mein Buch gerade wieder ins Regal zurückschieben will, fällt mein Blick auf ein Schild an der Wand neben der Eingangstür. Ausleihe nur im Härtefall: für Schwerbehinderte, Examenskandidaten oder Alleinerziehende. Und als mir die vertrocknete Bibliotheksaufseherin [...] mein Buch [...] reicht, trage ich den ersten kleinen Triumph des Tages davon: Wer erfüllt schon alle Härtefälle auf einmal?

Ein eigentlich ziemlich bitterer Umstand - dennoch kann darüber gelacht werden, das Ganze ist nicht ohne eine gewisse Komik, wenn auch von schwarzer Natur.
Und so gehen wir ein Stück mit, mit Judith End. Wir lesen von ihren Erlebnissen - anfangs beinahe täglich, weil dann alles neu und ungewohnt ist und später mit immer größeren Zeitabschnitten, die ungeschildert bleiben; weil sich selbst mit Krebs eine gewisse Routine, ein Alltag einstellt.
Mit fortschreitender Zeit wandelt sich das Bild auch von Judith. Ist sie zuerst die junge Studentin, die ich persönlich zunächst nicht einmal sympathisch fand, wird sie dann zu jemandem, mit dem ich mitlitt, wenn auch aus ihrer Sicht erst im Nachhinein. Natürlich kann ich nicht behaupten, dass sie danach richtig bekannt ist, aber sie ist keine ganz Fremde mehr. Und so habe ich mitgeweint, mitgefiebert, mitgetrauert; auch wenn das Schlimmste - hoffentlich! - längst überstanden ist, auch wenn ich wusste: Sie lebt! Bei jedem neuen Schlag musste ich mittrauern, ob ich nun wollte oder nicht. Die Schwere war einfach greifbar.
Das heißt nicht, dass jede ihrer Handlungen jedem gefallen werden und das müssen sie auch nicht. Manchmal ist auch nur Kopfschütteln angesagt - aber was soll ich sagen? Judith End ist ein Mensch.
Andere Leute aber auch, und es gibt nun einmal solche, die haben die Weisheit nicht einmal mit der Gabel "gefressen"; selbst wenn die Autorin an dieser Stelle übertrieben haben sollte, ich war schlichtweg entsetzt, wie blind und unsensibel manche Menschen auf die Krankheit reagieren - sie auch noch als ansteckend ansehen und mit Betroffenen nichts zu tun haben wollen. Im Buch wird mal ein sehr passendes Zitat angeführt (auf Seite 235), dem ich mich nur anschließen kann:
Was nützt einem die Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist? Nix, Theo. Absolut gar nichts. Ich für meinen Teil bin jedenfalls tausendmal lieber brust- als hirnlos.

Und ich für meinen Teil habe durch das Buch auch etwas gelernt. Wie die Krebstherapie genau abläuft und was es alles mit sich bringt, wusste ich bis dato immerhin nicht; zumindest nicht in dem Maße. Natürlich ist das von Art zu Art auch wieder unterschiedlich, aber im Großen und Ganzen weiß ich inzwischen mehr und das ist alles andere als schlecht. Was bekannt ist, macht schließlich weniger Angst - auch Betroffenen damit nichts genommen wird, auch nicht die Demütigung, die diese Krankheit zwangsläufig mit sich bringt.
Aber viel wichtiger: Judith End zeigt, dass es machbar ist. Trotz der vielen Tiefs, trotz der Komplikationen - es ist schaffbar. Was wollen wir mit einer Kylie? Die ist weit weg, nicht wie wir. Aber Judith - Judith ist wie wir und damit auch ein realitätsnahes Beispiel, das Mut und Hoffnung machen kann für den, der sich darauf einlassen kann; wenigstens ein bisschen.

"»Sterben kommt nicht in Frage, Mama!«" beleuchtet einige Aspekte der Krankheit - ihre Nachteile, ihre "Vorteile" (wir erinnern uns an die Härtefälle?), wie damit umgegangen werden kann und wie damit nicht umgegangen werden sollte.
Informativ, "mitnehmend" und schön zu lesen - was soll es da anderes sein als absolut lesenswert?