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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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A Game of Thrones - George R.R. Martin Der Winter naht. Das zumindest ist der Leitspruch der Familie Stark, die im Norden des Landes lebt und eine zentrale Rolle bei den kommenden Ereignissen spielen wird. Am Ende werden sie mit ihrer Warnung auch Recht behalten, denn auch wenn dieser Sommer Jahre dauerte, so mehren sich die Anzeichen für den nächsten Winter, der den Sommer noch um einige Jahre überdauern wird. Genau davor fürchten sich die meisten Leute dort, vor der Kälte, die Menschen im Schlaf erfrieren lässt. Noch weiter im Norden hat eine Bruderschaft mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: Dort oben steht seit langem ein Wall, den die Bruderschaft bewacht und der das Land vor den Wilden dahinter schützt – und den Anderen, munkelt man, auch wenn diese von vielen als Humbug abgetan werden. Dennoch verschwinden immer wieder Brüder, die auf Expeditionen hinter den Wall geschickt wurden; andere kehren nicht als die zurück, die sie einst waren.
Im Süden des Landes finden diese Probleme keine Beachtung, noch ist Sommer und König Robert regiert nun mittlerweile das fünfzehnte Jahr nach seinem Feldzug gegen den verrückten König Aerys. Doch als er schließlich zu seinem alten Freund Lord Eddard Stark reist, um ihn zur Hand des Königs zu ernennen, wird es zunehmend gefährlicher. Eddard Starks Frau Catelyn erhält eine Warnung ihrer Schwester, dass die ehemalige Hand – Ziehvater und guter Freund von Eddard und König Robert – von der Familie der Königin selbst ermordet wurde. Eddard nimmt das Amt an und die Familie zerstreut sich; die einen kämpfen am Wall, andere ahnen noch nicht, dass der Hof des Königs ihr Ende bedeuten könnte. Die sonst so ehrbaren und ehrlichen Starks finden sich in einer Welt voller Intrigen wieder, die es aufzudecken gilt – doch wem kann man vertrauen, wer ist der Feind?
Derweil verfolgen die letzten Kinder König Aerys‘ im Exil ihre eigenen Pläne, um vor allem eines zu erreichen: In das Land der Sieben Königreiche zurückkehren und den rechtmäßig ihnen gehörenden Thron besteigen. Und schon hat es begonnen, das Spiel der Throne.


„A Game of Thrones“ – beim Spiel der Throne gewinnt man oder stirbt man, eine andere Option gibt es nicht. Dementsprechend herzlos ist das Buch, sowohl zu den Charakteren als aus den Lesern selbst.
Das Wunderbarste an dem Buch sind sicherlich die Charaktere, die nicht nur zahlreich vertreten sind, sondern auch in ihrer Art variieren. Schon die Starks an sich zeigen eine Vielzahl an Typen: Lord Eddard Stark, der an seinen Prinzipien festhält, auch wenn da dieses eine Detail ist, das einfach nicht ins Bild passen möchte und für gehörige Zweifel sorgt. Seine Frau Catelyn, die ihren Kindern eine so wunderbare Mutter ist, und gleichzeitig so grausam zum unehelichen Sohn ihres Mannes sein kann. Dieser, Jon Snow, liebt seinen Vater, seine Geschwister und ist doch zerrissen, da er nicht weiß, wo er herstammt. Wer auch immer seine Mutter ist – es ist ihm seit jeher ein Rätsel, das auch sein Vater bis jetzt nicht lüften wollte. Sein Halbbruder Robb, Erbe von Winterfell, seine Schwester Sansa, die von ihren Liedern träumt und sie mit der Realität verwechselt. Die kleine Arya, die vieles möchte, nur nicht eine Lady sein. Die Jungen Bran und Rickon, die selbst im jungen Alter harte Prüfungen bestehen können. Selbst die Wölfe, die die Stark-Kinder bei sich aufnehmen und großziehen sind herzallerliebst und sammeln fleißig Sympathiepunkte. Damit könnte ich noch eine ganze Weile weitermachen: Tyrion Lannister, der kleinwüchsige Bruder der Königin, der sich mit seinem Sarkasmus nicht nur in brenzlige Situationen, sondern auch den Leser zum Lachen bringt. Prinz Joffrey, dem man gerne – wenn man ihm gut gesinnt ist – ein paar heiße Kohlen über den Kopf kippen würde. Prinzessin Daenerys, die einst so unschuldig war und geblieben wäre, wäre die Welt nicht so ein grausamer Ort. Ganz zu schweigen von etlichen undurchsichtigen Gestalten, deren Aufzählung wohl den Rahmen ein wenig sprengen würde.
Das Zwischenmenschliche ist schlichtweg ohne Tadel, bringt die Charaktere den Lesern unglaublich näher. Und so wunderbar viele von ihnen sind, ist es wohl kaum zu verhindern, dass man den einen oder anderen ins Herz schließt. Lasst euch eines sagen: Das ist ein böser Fehler. Der Autor schont wirklich niemanden. Da werden Charaktere hinabgestoßen, verkauft, verraten, ermordet. Die Charaktere selber begehen viele Fehler, einige von ihnen fatal. Wer Samthandschuhe erwartet, ist hier vollkommen falsch; bei „A Game of Thrones“ braucht man wirklich eine hohe Toleranzgrenze, was Leid angeht. Denn sich den Figuren verwehren, kann man letztlich doch nicht.

Diese ganzen Charaktere kennenlernen kann man vor allem durch den häufigen Sichtwechsel, der in Band 1 folgende Personen betrifft: Lord Eddard Stark, seine Frau Catelyn und die Töchter Sansa und Arya, ihr Sohn Bran, Jon Snow, Tyrion Lannister und Daenery Targaryen.
Mit jedem Kapitel springt die Erzählung zu einem anderen dieser acht und bringt den Leser somit immer wieder an andere Orte. Dadurch entsteht ein recht vollständiges Bild davon, was überall in den Sieben Königreichen und außerhalb vor sich geht. Dass einiges dabei wiederholt und nur aus einer anderen Perspektive geschildert wird, muss niemand fürchten. Auch wenn sich zwei Charaktere an einem Ort befinden, wird die Handlung ohne Wiederholung fortgesetzt, auch wenn manchmal Passagen übersprungen werden, um die Geschichte am Laufen zu halten. Lücken entstehen dabei nicht – es ist und bleibt ein vollständiges Bild, mit allen wichtigen Informationen, die der Leser braucht.
Das macht das Buch gerade spannend und dicht. Auf Langeweile kann man hier lange warten, trotz der über 800 Seiten macht jede Passage Spaß. Anfangs gibt es außerdem jede Menge Neues zu entdecken, da niemand mit Erklärungen über die Welt und die Gepflogenheiten aufgehalten wird. All das liefert der Text im Laufe der Handlung und bis zum Schluss tauchen immer wieder neue Sachen auf, die trotzdem ins Bild und die Welt passen. Man merkt: Die Welt, die nur zum Teil fantastisch und zum Rest mittelalterlich ist, ist durchdacht – quod erat demonstrantum.

Teilweise ist es sogar so, dass ich das Buch auch mal beiseitelegen musste, um zu fluchen, lachen, weinen oder mich einen kurzen Moment lang einem geschockten „Oh mein Gott!“ hingeben zu können. Die Intrigen lassen wirklich nicht lange auf sich warten und danach hören sie auch nicht auf. Die ganze Zeit über lässt sich nur sehr, sehr schwer sagen, wer Freund und wer Feind ist. Man darf sich bei absolut niemandem sicher sein, da Leute durchaus auch ohne böse Absicht oder unbewusst verraten werden.
Ab und an mag es sogar vorkommen, dass der Leser – gewollt – den Charakteren voraus ist, die Probleme längst sieht und Geheimnisse aufgedeckt hat. Letztlich kann man den Lieblingen trotzdem nur dabei zusehen, wie sie womöglich in ihr Verderben rennen. Das ist nicht sonderlich nett für das betagte Leserherz, erzielt aber zweifelsohne seinen Effekt.

Es überrascht wohl niemanden zu erfahren, dass im ersten Band dieser Reihe jede Menge passiert. Es hat seine eigenen Geheimnisse und Probleme, die zum Teil gelöst, zum Teil fortgeführt werden und manchmal auch einfach bestehen bleiben. „A Game of Thrones“ ist keiner dieser ersten Teile, die kaum etwas hergeben und trotzdem ist es eine Einführung für den großen Konflikt – oder vielmehr die großen Konflikte, denn nur einer wäre wohl wirklich ein bisschen simpel. Man könnte sagen, die Katastrophe wurde eingeleitet, die Botschaft ist recht klar: Wer jetzt schon nicht mehr mit den Geschehnissen klarkommt, sollte wohl besser nicht weiterlesen.
Das allerdings gestaltet sich ein bisschen schwierig, da neben den oben genannten Gründen auch die ungeklärten Schicksale der Charaktere zum Weiterlesen drängen – bei manchen dringender, bei anderen nicht ganz so schlimm.

Einzig kleine Mängel sind zum einen die Namen, die in ihrer Vielzahl am Anfang geradezu erschlagend wirken. Zwar gibt es im Anhang des Buches ein kleines Verzeichnis zur Unterstützung, aber immer hin und her zu blättern, ist dann auch nicht ganz das Wahre. Ab circa Seite 50 legt sich das Problem aber und die Namen bereiten keinerlei Probleme mehr. Der Leser wächst mit der Zeit in die Geschichte rein; erst muss man sie kennenlernen, dann findet man sich auch darin zurecht.
Die andere Anmerkung ist der Schreibstil des Autors, der an und für sich wunderbar ist. George R. R. Martin schreibt sehr bildlich, sodass es ein Leichtes ist, die Umgebung vor dem geistigen Auge heraufzubeschwören. Einige Details erwähnt er allerdings ein wenig zu oft, wenn zum Beispiel die Wächter der Lannisters Rot-Gold tragen. Irgendwann hat man es einfach verstanden und braucht nicht noch eine Erinnerung daran.
Dieses kleine Problem geht in der Masse des Buches aber einfach unter und trübt das tolle Lesegefühl – glücklicherweise – überhaupt nicht.


Über 800 Seiten Intrigen, Spannung, liebevolle Charaktere und ein grausamer Autor. Über 800 Seiten, die sich mehr als nur lohnen. All denen, die die Mischung aus historischer und High Fantasy mögen und nicht allzu zartbesaitet sind, kann ich nur eines sagen: Lest es.