4 Followers
6 Following
Shiku

Muh, das Telefonbuch

Currently reading

Brave New World
David Bradshaw, Aldous Huxley
Men of the Otherworld (Otherworld Stories, #I)
Kelley Armstrong
Tales of the Otherworld (Otherworld Stories, #2)
Kelley Armstrong
The Talented Mr. Ripley  - Patricia Highsmith 3,5
____________________

Tom Ripley hat es nicht leicht im Leben. Aufgezogen von seiner Tante, schlägt sich der junge Mann nun eher schlecht als recht durch, oft auch auf kriminellem Wege. Als ihm eines Tages ein Mann folgt, glaubt er, dass die Polizei endgültig hinter ihm her ist. Doch nein, es ist Herbert Greenleaf, dessen Sohn Tom vor langer Zeit das eine oder andere Mal gesehen hat. Mr. Greenleaf ist verzweifelt, denn Dickie lebt mittlerweile in Italien und macht keine Anstalten, nach Amerika zurückzukehren. Nun bittet sein Vater Tom, nach Mongibello zu reisen und seinen Sohn zur Rückkehr zu überreden – die Reise würde er ihm natürlich komplett bezahlen.
Tom sieht das leichte Leben schon vor sich und sagt zu. In Mongibello angekommen, gelingt es ihm auch, sich mit Dickie anzufreunden und für eine Zeit verbringt er in dem Ort ein angenehmes Leben mit dem Geld von Mr. Greenleaf und in der Gesellschaft von dessen charmanten Sohn. Doch dieses Paradies soll nicht ewig halten, denn da ist auch noch Marge. Sie ist in Dickie verliebt, und auch wenn dieser ihre Gefühle nicht erwidert, so fühlt er sich ihr verpflichtet. Viel schlimmer wiegt aber, dass sie Tom nicht traut und ihn schlecht macht, wenn sie mit Dickie allein ist. Die heile Welt bröckelt, bis Tom nur noch einen Weg sieht, um sein Leben so weiterführen zu können: Er muss Dickie Greenleaf werden.


Der Einstieg in “The Talented Mr. Ripley” gestaltet sich ziemlich langsam. Zu Beginn ist Tom Ripley ein vollkommen unbeschriebenes Blatt, nur nach und nach werden Informationen über ihn gegeben, sodass sich erst mit der Zeit ein etwas klareres Bild des jungen Amerikaners bilden kann. Aber auch handlungstechnisch lässt sich Patricia Highsmith viel Zeit – sogar ein bisschen zu viel. Zwar startet die Handlung sofort damit, dass Tom auf Mr. Greenleaf trifft und in Zuge dessen seinen Auftrag erhält, aber danach verlangsamt sich die Handlung zunehmend. Viele Seiten werden dafür verwendet, um Tom in Mongibello ankommen zu lassen. Danach lernt er erst einmal Marge und Dickie kennen, allmählich entwickelt sich die Beziehung zwischen den beiden jungen Männern und so weiter. Ehe es zum ersten richtigen Spannungspunkt im Buch kommt, musste ich mich ziemlich durchbeißen. Denn so interessant es auch war, Tom näher kennenzulernen, es reichte nicht, um die ersten 100 Seiten (von 273 in dieser Ausgabe) angenehm zu überbrücken.
Was danach geschieht, lässt den langen Einstieg jedoch schon wieder lohnenswert erscheinen, denn was zuvor an Spannung fehlte, tritt jetzt ein. Allerdings nicht dauerhaft, wie man vielleicht hoffen möchte. Im Gegenteil, es ist ein ständiges Auf und Ab; mal sieht es nicht gut aus für Tom und der Druck scheint sich genauso auf den Leser zu legen wie auf ihn – es ist kaum auszuhalten! Dann wieder glätten sich die Wogen und das Buch kehrt zu seinem anfänglichen Level zurück, bis die nächsten Probleme auftreten und mich beinahe zum Nägelkauen veranlasst haben.
Diese Probleme gibt es übrigens zu Hauf. Scheint Toms Leben danach sehr angenehm und einfach zu verlaufen, so läuft dann wieder alles schief. Freunde von Dickie tauchen auf – die sofort erkennen würden, dass dies nicht ihr Freund ist –, belastende Beweise ebenso. Immer wieder steckt Tom Ripley in furchtbaren Schwierigkeiten, bei denen ich nicht nur einmal dachte, dass es das für ihn war. Nicht zuletzt, weil er genauso Fehler macht wie alle anderen, auch wenn es wohl unangebracht wäre zu behaupten, er wäre genauso so ein Mensch wie alle anderen auch. So werden die Ereignisse ein ums andere Mal über den Haufen geworfen und machen das Buch somit trotz der teilweise recht langweiligen Passagen lesenswert.

Nicht unwichtig – eigentlich mit am wichtigsten! – ist dabei der Protagonist Tom Ripley. Die gesamte Geschichte wird aus seiner Sicht, wenn auch nicht aus der Ich-Perspektive präsentiert. Der Leser ist somit stets seinen Gedanken und Gefühlen ausgeliefert, die im Laufe der Zeit ein detaillierteres Bild von ihm zeichnen. Dabei zeigt sich nicht nur, dass Tom Ripley seine Rolle so gut spielen kann, dass er sich tatsächlich von seiner Schuld befreit sieht, wenn er eine andere Identität annimmt. Nein, man versteht ihn irgendwo auch – nur ansatzweise, aber allein das ist schon erschreckend genug. Tom Ripley ist ein Krimineller, einer der schlimmsten Sorte, da kann man wenig dagegen sagen. Und dennoch übt er eine unheimliche Faszination aus, weil er bisweilen so unglaublich sympathisch wirkt, seine Schlussfolgerung und die daraus resultierenden Handlungen so schlüssig … es ist furchtbar, aber auf eine ansprechende Art und Weise.
Dass das seine Wirkung tut und zusammen mit der Spannung eine unwiderstehliche Mischung bildet, ist wohl nicht schwer nachzuvollziehen. Wann hat man das letzte Mal – oder überhaupt schon mal – einem Menschen wie Tom die Daumen gedrückt, dass er nicht geschnappt wird, obwohl er schuldiger nicht hätte sein können?

Erzähltechnisch beschränkt sich Patricia Highsmith dabei wie erwähnt auf Toms Perspektive und dementsprechend gestaltet sich der Schreibstil. Nicht zu überbordend, trotzdem aufgrund des Er-Erzählers auch kein Bewusstseinsstrom. Die Erzählung bildet Toms Wahrnehmung ab und überträgt seine Empfindungen par excellence auf den Leser – für manch einen dürfte das vielleicht auch zu viel des Guten sein.


Dies ist definitiv kein Buch für Moralapostel jedweder Art – wer Gerechtigkeit sucht, möge sich bitte nach anderer Lektüre umsehen! Tom Ripley ist sympathisch und ein Krimineller, eine gefährliche Mischung, die die Autorin geschickt zu verpacken weiß.
Trotzdem ist „The Talented Mr. Ripley“ kein perfektes Buch: So mitreißend es bisweilen sein kann, manche Passagen und besonders der Anfang sind schlichtweg zu langatmig. Sich dort durchzuarbeiten lohnt sich allerdings!