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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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A Feast for Crows  - George R.R. Martin 3,5
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Der Krieg ist im Grunde so gut wie vorbei: Joffrey mag tot sein, doch nun regiert sein Bruder Tommen beziehungsweise vielmehr seine Mutter Cersei, die vor nichts zurückschreckt, um Macht anzuhäufen und diese auch zu demonstrieren. Gegenstreiter hat er kaum noch, denn Daenerys wird in Westeros noch immer nur von den wenigsten überhaupt wahrgenommen. Mit Robbs Tod zerstreute sich auch die Streitmacht des Nordens, nur wenige – zum Beispiel Catelyns Onkel in Riverrun – leisten noch Widerstand unter dem Banner der Starks. Nach Balon Greyjoys Tod, der sich unter anderem auch als König im Norden sah, und der unklaren Erbfolge auf den Inseln fällt auch dieser Gegner aus. Damit bleibt nur Stannis Baratheon, dessen kaum nennbare Streitkraft nach wie vor am Wall verharrt.
Ja, der Krieg ist so gut wie vorüber und die Lannisters scheinen als Sieger daraus hervorzugehen. Doch das heißt noch lange nicht, dass damit alle Probleme beseitigt sind. Noch gibt es andere Könige im Land und Joffreys Mörder läuft frei herum. Outlaws machen die Wälder und Wege unsicher, und so manchen Feind will Cersei Lannister noch gar nicht wahrnehmen. So zum Beispiel ihre eigene Tochter Myrcella, die im entfernten Dorne ohne ihr Wissen zur Königin gekrönt werden soll.
Sie alle haben nun ihre Aufgaben – ein Land regieren, die Ehre erhalten, ein verschollenes Mädchen finden, das Töten lernen, Rache nehmen … Wie auch immer das alles ausgehen mag, die Krähen warten schon. Denn egal was passiert – sie sind es am Ende, die gemächlich speisen können.


Nun, was soll ich zu "A Feast of Crows" sagen, was nicht bereits in den Rezensionen zu den bisherigen Büchern Erwähnung fand?
Zum einen kann es mit seinem Vorgängerband "A Storm of Swords" nicht mithalten, ja, für mich ist es sogar der schwächste Band der Reihe bisher. Schlecht ist das Buch keineswegs, nichts liegt mir ferner zu behaupten. Das Buch ist wie schon seine Vorgänger spannend und grausam, wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise. Wer George R. R. Martins Schreibstil bisher mochte, wird ihn auch hier lieben – ein wenig altertümlich, detailverliebt, besonders was das Essen angeht und gut zu lesen. Der Autor führt uns wieder an die verschiedensten Orte, führt uns mit alten Bekannten zusammen, stellt uns Fremden vor und bietet uns einen näheren Blick auf den einen oder anderen Charakter an. Er liefert uns neue Informationen, löst das eine oder andere Rätsel, nicht aber ohne neue zu kreieren. Mit all dem unterhält er, schockt er, spannt er auf die Folter.
So weit, so gut. Das ist "A Song of Ice and Fire" wie wir es kennen und wie ich es für meinen Teil liebe. Wer sich bisher durch mehrere tausend Seiten gelesen hat, wird vermutlich ähnlich über die Bücher denken oder sie zumindest mögen.

Dennoch hat das Buch ein großes Problem: Es ist eigentlich nur ein halbes Buch. Der Autor bemerkt am Ende von "A Feast for Crows", dass alle Geschehnisse an allen Orten von allen Personen zu viel für ein Buch gewesen wären; und das glaube ich ihm gerne. Auch wenn ich persönlich nichts gegen ein 2000- oder 3000-Seiten-Buch einzuwenden hätte, sowas lässt sich nun einmal schlecht vermarkten und so blieben ihm zwei Optionen, ohne die Handlung an sich zu kürzen: Das Buch in zwei Hälften zu teilen oder die Ereignisse erst aus der Sicht eines Teils der Charaktere zu erzählen und später aus Sicht des anderen Teils. Er entschied sich für zweiteres und ich kann nicht einmal behaupten, dass es die schlechtere Wahl war. Nichtsdestotrotz steht nun dieses Buch für sich da, wie wir es in den Händen halten können und in dieser Form funktioniert es nicht immer.
Es gibt einfach zu viel, das im Dunklen bleibt. Das eine oder andere findet in einem Nebensatz Erwähnung – was das Buch bisweilen so gemein macht, denn das schließt auch Tode von Charakteren mit ein, wobei nicht immer behauptet werden kann, dass die Information wirklich zuverlässig ist, was das Ganze umso schlimmer macht – und dass manche Dinge unerwähnt bleiben, ist zugegebenermaßen nichts vollkommen Neues. Schon in Band drei wurde abgesehen von Verwünschungen und Vermutungen kein Wort über Theons wirkliches Schicksal verraten, Rickon und Osha sind vollkommen von der Bildfläche verschwunden. Bei zwei, drei Charakteren mag das auch noch angehen und die Spannung steigern, doch hier fehlt viel mehr: Bis auf ein Kapitel der Wall mit Jon Snow als neuem Lord Commander, damit auch Stannis, Daenerys und ihre Drachen, der sich auf der Flucht befindende Tyrion … Wichtige Charaktere, die dem Leser teilweise sehr am Herzen liegen und deren Handlungsstränge genauso bedeutsam und je nach Vorliebe auch spannend sind.
Ich wusste, dass das Buch über sie nichts verraten würde, dennoch habe ich mich beständig fragen müssen, wie es ihnen wohl ergeht, was dort passiert. Dass etwas passiert, wird zwar klar, aber das verstärkt nur den Effekt, den das Fehlen dieser Perspektiven auf mich hatte: Trotz aller Spannung hatte ich oftmals das Gefühl, nicht voranzukommen.
Normalerweise wollte ich nach einem Kapitel sofort wissen, wie es weitergeht, weil sie zumeist mit einer Art Cliffhanger enden. Dass es danach erst einmal mit etwas anderem weitergeht, spornte mich noch an, da ich wusste, dass dieser Strang bald fortgesetzt wird. Nach Beendigung des Buches verhielt es sich bei mir ähnlich – im nächsten Band ging es ja weiter! Nur war das nie in "A Feast for Crows" der Fall. So sehr ich wissen wollte, wie es beispielsweise mit Jon weitergeht, ich würde vorerst nichts darüber erfahren und anstatt der sonstigen 100 Seiten lagen nun auf einmal bis zu 1000 Seiten zwischen bestimmten Handlungssträngen.
Ein ähnliches Problem zeigt sich dann am Ende des Buches, wenn einige Kapitel mit richtig gemeinen Cliffhangern enden und es bereits klar ist, dass das endgültige Schicksal der Charaktere in dieser Situation frühestens am Ende des nächsten Buches Erwähnung finden würde. Vielleicht auch erst im übernächsten und dieses kann in einem Jahr oder vielleicht auch erst in sechs Jahren erscheinen. Kein schöner Gedanke.
Wie gesagt: Es gab hier womöglich keine ideale Lösung, vermutlich hat der Autor es auch richtig gemacht, was nichts daran ändert, wie dieses Buch für sich auf mich wirkt.

Es hat sich also in gewisser Hinsicht gezogen, warum ist es aber trotzdem nicht schlecht? Ich habe die Gründe am Anfang schon aufgezählt und einer ist dabei ganz besonders wichtig, da auch vieles dort mit reinspielt: Das Buch ist im Einzelnen noch immer spannend. Sei es nun Aryas Reise nach Braavos, wo sie auf das "House of Black and White" und den vielgesichtigen Gott, dessen Geschenk der Tod ist, trifft oder Brienne, die für Jaime und Catelyn Stark auf der Suche nach Sansa ist und auf ihrer Reise nicht nur Freunden begegnet. Oder auch Arianne, der Prinzessin in Dorne, die die Schwäche ihres Vaters nicht länger dulden und die junge Myrcella zur Königin krönen will – womit sie einen erneuten Krieg riskiert. Diese und andere Handlungsstränge halten die Spannung aufrecht und natürlich muss man auch mit Verlusten rechnen.
Kleine Informationen belohnen dabei für das Durchhalten, so gibt es einiges zu erfahren über einst getroffene Vereinbarungen und Verschwörungen, manches lässt vor den zukünftigen Ereignissen zittern und manches ist einfach nur interessant. Vorausgesetzt man möchte wissen, wie viele Kinder der ehemalige König Robert nun eigentlich hatte.
Die interessanteste "Neuerung" ist dabei wohl – neben dem genaueren Blick auf die Iron Islands – Cerseis Perspektive der Erzählung und auch wenn sie Zwillinge sind, so wird damit deutlich demonstriert, wie unterschiedlich Jaime und Cersei doch eigentlich sind. Gewann und gewinnt Jaime einige Sympathiepunkte – auch wenn ich nach wie vor nicht behaupten könnte, ihn unvoreingenommen zu mögen –, so bestätigte Cersei nur das Bild, das ich ohnehin von ihr hatte. Nein, eigentlich verschlimmerte sie es nur noch, indem sie sich als machtgierige, intrigenspinnende und gleichzeitig unfähige Königin präsentiert, die sich selbst einredet, das alles nur für ihren Sohn zu tun. Was natürlich nur meine Sicht der Dinge ist.
Dennoch fehlt etwas und dieses Etwas sind der Norden, der Osten und der Ort, an dem sich Tyrion gerade aufhält.


Mit anderen Lösungen beziehungsweise Aufteilungen wäre das Buch vermutlich auch nicht besser, sondern womöglich schlechter gewesen, trotzdem kann ich nicht darüber hinwegsehen, dass viel zu viel fehlt und ich dadurch das Gefühl hatte, nicht voranzukommen, da ich diese fehlenden Informationen schlichtweg nie erreichen konnte. Zumindest nicht in diesem Buch.
Trotzdem ist "A Feast of Crows" auch spannend und hält wieder einige Gemeinheiten und Informationen parat, genauso wie neue Perspektiven und Charaktere. Für mich das schwächste Buch der Reihe bisher, aber dennoch ein gutes.