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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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Schattengesicht - Antje Wagner 3,5
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Wir lernen Mila im Gefängnis kennen – wo sie wegen Mordes einsitzt. Ihre Gedanken kehren dabei zu jemandem namens Polly zurück. Doch wer sind die beiden? Mit der Zeit lernen wir sie kennen: Die junge Mila, die mittlerweile alles auf sich nimmt, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen und Polly, vor der die Menschen zurückschrecken, sobald sie spricht. Doch warum? Es ist nicht das einzige Rätsel, mit dem der Leser konfrontiert wird und der Schlüssel zur Lösung des Ganzen liegt irgendwo in der Vergangenheit …


„Schattengesicht“ erzählt die Geschichte von Mila gewissermaßen rückwärts. Wir lernen sie als Erwachsene im Gefängnis kennen und tauchen dann immer weiter ein in ihre Vergangenheit. Zunächst geht es zwei Monate zurück, dann anderthalb Jahre … bis wir irgendwann in Milas Kindheit ankommen. Ein gemeinsamer Faktor ist immer wieder Polly, mit der Mila schon viele schlimme durchgestanden hat, was nichts daran änderte, dass sie immer zueinander standen.
Dabei steht auch gar nicht so sehr das Verbrechen im Fokus, für das Mila verhaftet wurde, sondern all das, was sonst noch geschehen ist und nicht nur zu den Verbrechen führte, sondern auch zu den Situationen, die diese Verbrechen erst möglich machten.
Mit jeder neuen Schicht wird klar, dass einiges nicht so ist, wie es zunächst scheint – dies ist besonders am Anfang der Fall, wenn noch haufenweise Fragen auftauchen, die sich erst mit der Zeit beantworten lassen. Dadurch ist das Buch besonders zu Beginn wahnsinnig interessant. Da wäre zunächst die Frage nach dem Warum: Warum hat Mila einen Menschen ermordet? Und wer ist Polly? Später bezieht sich diese Frage genauso auf andere Charaktere und vor allem die Reaktion anderer Menschen auf Pollys Stimme gibt Rätsel auf. Anfangs war ich wirklich geradezu hin und weg, weil ich gar nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand. Alles war ein ständiges Stirnrunzeln, Verwirrtsein und Hinterfragen, das schlichtweg Spaß gemacht hat und das ruhig noch länger hätte andauern können. Da macht es auch überhaupt nichts, dass „Schattengesicht“ weniger spannend und vielmehr interessant ist – hier gibt es keine rasanten Jagden oder Fluchten. Antje Wagner präsentiert hier eine ruhige Geschichte, auch wenn Mila gewiss nicht stillsteht und ihr Leben auch ganz sicher kein angenehmes ist. Es wird sich Zeit genommen für die Charaktere, es wird Mila der Platz gegeben, von ihrem Leben zu erzählen, immer weitere Facetten ihres Charakters zu präsentieren. Wer nach so etwas sucht, ist bei „Schattengesicht“ also vollkommen richtig.

Leider lässt das Interesse ein wenig nach, sobald sich herauskristallisiert, was da vor sich geht. Polly ist eines der zentralen Geheimnisse, doch schon nach der Hälfte des Buches hatte ich eine Ahnung, was es mit ihr auf sich hat, die sich nach kurzem Nachdenken und weiteren Seiten nur gefestigt hat – ich war mir sogar sicher, dass es auf gar nichts anderes hinauslaufen kann.
Manch andere Details, die später folgen, sind genauso wenig überraschend, obwohl ich auch sagen muss, dass bei anderen zu Beginn des Buches das komplette Gegenteil der Fall ist – dort haben sie mich geradezu überrumpelt. Hier aber sind wir auch schon bei dem Teil, in dem wir die ganz junge Mila kennenlernen und auch wenn Kinder vieles sehen, sie sehen eben nicht alles, so dass man eben manchmal mehr erfasst als die kindliche Protagonistin.
Von daher ist das gar kein großes Drama, doch die Sache mit Pollys Geheimnis bleibt und letztlich hat es mir sogar ein bisschen das Ende verdorben. Ich hatte nach wie vor meinen Spaß mit dem Buch, dennoch wäre das Ende wesentlich effektiver gewesen, hätte ich nicht so früh erahnen können, worauf das Ganze zusteuert – es wäre dann eingeschlagen wie eine Bombe. So blieb dies aus und ich war vielmehr davon überrumpelt, dass es schon vorbei ist.

Dennoch bietet „Schattengesicht“ ein angenehmes Leseerlebnis, was nicht zuletzt an Antje Wagners Schreibstil liegt. Über viele Passagen hinweg ist er durchaus schlicht, eben leicht zu lesen, nicht zu pompös und auch nicht so knapp, um abgehackt zu wirken. Manchmal aber kann er auch wunderbar beschreibend, fast poetisch werden, was besonders gut hilft, die Atmosphäre heraufzubeschwören, in der sich Mila gerade wiederfindet. Und was macht das Lesen eines Buches schöner, als wenn man quasi direkt dabei ist? So flogen die Seiten geradezu vorbei und ehe ich mich versah, war ich auch schon am Ende angelangt.


Antje Wagner hat mit „Schattengesicht“ einen sehr kurzweiligen und vor allem ruhigen Psychothriller veröffentlicht, der sich mehr auf die Charaktere konzentriert und indem vieles ganz anders ist, als man am Anfang dachte. Leider hält sich dies nur ungefähr bis zur Hälfte, dann werden einige Hauptaspekte des Buches ein wenig vorhersehbar, was dem Ende an Schlagkraft nimmt. Dennoch sind alle, die nach kurzen, angenehmen und interessanten Lesestunden suchen, mit „Schattengesicht“ gut beraten