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Shiku

Muh, das Telefonbuch

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Sturmherz - Britta Strauß 3.5
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Zunächst dachte Mari noch, dass sie nur einen angeschossenen Seehund entdeckt hat; ihr Vater und sie nehmen das Tier mit nach Hause, um ihm so gut es geht zu helfen, auch wenn die Chancen nicht gut stehen. Dass er sich auf einmal in einen jungen Mann verwandelt, damit hatte niemand gerechnet. Was darauf folgt, ist eine Liebesgeschichte mit ihren Stolpersteinen, der erste versperrt gleich die ersten Meter: Louan ist ein Selkie, Mari ein Mensch, was heißt, dass sie Feinde sind, auch wenn beide sich gleichermaßen nach dem Meer und nach einander sehnen. Sie versuchen, was sie können, doch die Gier der Menschen hat noch nie Grenzen gekannt – und Mari ist nicht die Einzige, die von Louan weiß.


Ich habe nichts gegen Liebesgeschichten an sich, nur etwas gegen die meisten. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Die Protagonisten kennen einander kaum oder gar nicht und statt das Ganze als Faszination darzustellen – was ja durchaus realistisch ist –, ist gleich von Liebe die Rede, was normalerweise der Punkt ist, an dem mich das Buch nach und nach verliert.
Leider macht „Sturmherz“ genau diesen Fehler, allerdings auch noch ein paar andere Sachen, die mich zum Teil wieder mit der Geschichte versöhnen konnten. Vorerst aber fiel mir das böse L-Wort viel zu schnell, zumal es dem Ganzen eine unnötig melodramatische Note verleiht, mit der ich mich noch nie anfreunden konnte. Es ist nicht mal so, dass die beiden keine Gelegenheit gehabt hätten, sich kennenzulernen. Später im Buch liefert die Autorin die ideale Gelegenheit, stattdessen muss Mari feststellen, dass sie Louan ja eigentlich gar nicht kennt – das fiel ihr aber schnell auf.
Ironie mal beiseite, das hat mich wirklich geärgert, denn auch wenn man eine Beziehung langsam angeht, muss das Ganze weder weniger „magisch“ noch viel zu keusch sein. So aber sprang der Funke bei mir nie ganz über, und emotionale Distanz ist bei einer Liebesgeschichte eigentlich das Schlimmste, was passieren kann.

Dabei startet das Buch ziemlich gut. Die Handlung legt sofort los und genau wie Mari habe ich fasziniert mitverfolgt, wer da gerade in ihr Leben gestolpert ist. Genau wie Mari wollte ich mehr wissen, ihn noch einmal wiedersehen, auch um mehr über seine Welt zu erfahren – nur dass es ab einem Punkt dann zu rasant ging. Zunächst war das aber kein Problem und das Interesse für die Selkies und das Meer ebbte während des gesamten Buches nicht ab. Besonders schön fand ich, dass die Autorin hier nichts zensiert. In Louans und Maris Beziehung ist Sex ein Thema, und ebenso wird die brutale Seite sowohl der Menschen als auch der Natur nicht verschwiegen. Louan geht Unterwasser auf die Jagd, ebenso wie er gejagt wird; andererseits liegen Tiere tot am Strand, weil sie der Technik der Menschen in die Quere kamen. Allein schon die Verwandlung ist zwar nicht direkt schmerzhaft, aber dennoch legt der Selkie seine Haut ab – wortwörtlich, ein bisschen Blut darf also nicht fehlen.
Das hat mich tatsächlich begeistert, genauso wie es das Meer vermochte. Auch wenn einem der jährliche Urlaub an der Ostsee besonders während der Pubertät auf die Nerven ging, am Ende war ich immer gerne dort. Gebt mir Meeresluft und ich fühle mich gleich ein bisschen heimisch, obwohl ich im Landesinneren geboren und aufgewachsen bin – dafür hat auch „Sturmherz“ passagenweise gesorgt, weil die Autorin das Meer wunderbar zu beschreiben wusste und den Leser außerdem mit einigen Ausflügen unter die Wasseroberfläche beglückt. Der einzige Nachteil: Ich möchte jetzt auch unbedingt einmal mit Orcas schwimmen, so selbstmörderisch das vermutlich ist.

Aber apropos Beschreibungen: Der Schreibstil der Autorin wird oft gelobt und Unrecht hat da keiner. Britta Strauß spielt mit Worten, kennt aber auch die Regeln – die sie aber nicht immer ganz einhält. Manchmal wurde es ein wenig zu blumig. Ich hätte zählen sollen, wie oft von der „pikanten“ oder „gewissen“ Stelle die Rede ist; bezeichnend ist aber eigentlich eine Umschreibung der Halsschlagader: „[…] und suchte nach der Ader, die er zerfetzen musste, um mich innerhalb kürzester Zeit verbluten zu lassen“ (Seite 206). Es klingt natürlich dramatischer als eine simple Halsschlagader, das geb ich zu.
Einer meiner größten Wünsche in Sachen Sprache betrifft aber das Lektorat: Da möchte man demnächst doch bitte etwas genauer drüber sehen. Immer wieder liefen mir falsche Imperative über den Weg, genauso wie kleine Kommafehler, Schusselfehler à la „Das“ statt „Dad“ und noch ein bisschen mehr. Es übernimmt keine Überhand, kommt aber oft genug vor, sodass es mich irgendwann sichtlich störte.

Was bleibt zu sagen? Die Liebesgeschichte steht um Vordergrund, ein bisschen Spannung bekommt man aber auch geboten. Mari mag von dem Selkie begeistert sein, andere werden sich mit dem Anschauen aber nicht begnügen und Profit aus dem Ganzen schlagen wollen. Dass es in dieser Hinsicht Ärger geben wird, wird schnell klar – allerdings passiert dahingehend so lange nichts, dass ich es für eine Weile tatsächlich vergessen habe. Irgendwann muss das Unglück aber seinen Weg gehen, sodass ich das Buch am Schluss trotz Müdigkeit weder aus der Hand legen konnte noch wollte.
Ganz einwandfrei war trotzdem nicht alles. Ab und an gab es Szenen, bei denen ich nicht ganz verstanden habe, was das nun sollte. Da wäre zum Beispiel Mari, die behauptet, alle Jungen in ihrem Alter seien unreif und, plump ausgedrückt, blöd. Das mag auf die Jungs auf der Insel zutreffen, aber wirklich alle? Das ist doch deutlich übertrieben und mir fällt auch kein Grund ein, der eine so extreme Darstellung rechtfertigen würde. Louan ist außerdem schon besonders genug, da muss man nicht alle anderen neben ihm wie Idioten aussehen lassen. Andere Szenen wirken beinahe willkürlich, wenn beispielsweise ein Charakter mehr oder minder aus dem Nichts auftaucht, um dem Geschehen eine Wendung zu geben, die dadurch aber leider auch ein wenig erzwungen wirkt.


Wenn es um „Sturmherz“ geht, herrscht ein ständiges Für und Wider. Die Geschichte und die Beziehung der Protagonisten starten toll, dann geht es aber zu schnell. Der Schreibstil ist sehr schön, manchmal übertreibt es die Autorin aber auch ein wenig, zumal sich einige Fehler im Text finden lassen. Das Buch ist durchaus spannend, nur sieht man davon zwischenzeitlich gar nichts. Letztlich ist es das Meer, das das Buch wieder lesenswerter macht, auch wenn zu viel schiefging, als dass es richtig gut sein könnte. Ich bin mir aber sicher, dass andere mit diesem Buch mehr Spaß haben werden als ich.